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Spielwissenschaft als Fortsetzung der Medienkulturwissenschaft

 Dieser Text ist ein Beitrag zum Sammelband „Geisteswissenschaften und Digitale Spiele: Debatten, Data & Desiderata“, der anlässlich des zehnjährigen Jubiläums des Arbeitskreises herausgegeben wird. Eine kurze Einleitung und Übersicht über alle bereits erschienenen Beiträge findet sich hier.

 

Vertrackte Familiengeschichte

Was Medien sind, ist ein weites Feld. Ob ich mich nun auf technische Medien, Kommunikationsmedien, Medien als Vermittler oder gar auf Geisterseher beziehe, eröffnet eine Bandbreite an möglichen Zugängen, die nur schwer unter einen Hut gebracht werden können. Aber auch schon ‚Medienwissenschaft‘ ist ein ähnlich mannigfaltiger Begriff. Was sich hinter diesem Begriff versteckt, unterscheidet sich drastisch je nach Ausrichtung: So haben eine aus den Publizistikwissenschaften erwachsende Medien- und Kommunikationswissenschaften oder die aus den Literaturwissenschaften entstandene Medienkulturwissenschaft, eine Medienlinguistik, eine Medienanthropologie, eine Mediensemiotik, eine Mediensoziologie, eine Medienpsychologie, eine Mediologie oft nur wenig miteinander zu tun, bis auf einen zwar gleich benannten, aber oft sehr unterschiedlich verstandenen Gegenstand. Dass sich die deutschsprachige Forschungstradition zum Teil erheblich von der anglophonen unterscheidet, macht es nicht weniger unübersichtlich. Die Game Studies,[1] in ihrer deutschsprachigen Spielart, in diesem Gefecht von Disziplinen, Forschungsgebieten und -traditionen ideengeschichtlich zu verorten, ist keine ganz leichte Aufgabe. Am besten lassen sich all diese Beziehungen wohl als vertrackte Familiengeschichte beschreiben, inklusive all dem Drama (zerstrittene Geschwister, Stiefkinder, Ehebruch, Inzest?! etc.), das zu Familien oder dem Erzählen von ihnen wohl einfach dazugehört. Wessen Kind aber sind nun die deutschsprachigen Game Studies und was haben sie durch ihre Verwandtschaftsverhältnisse mit in die Wiege gelegt bekommen?

Medien und Kommunikation

Um diese Frage zu beantworten, möchte ich, ganz in der Manier Tristram Shandys,[2] weit vor der Geburt der Game Studies beginnen – und zwar mit zwei sehr ungleichen Schwestern, wie es schon Gudrun Schäfer formuliert. „Die Ältere“ ist „sehr sehr brav, recht fleißig – aber ein bißchen uninspiriert, immer bemüht, den Eltern (in diesem Fall: den Auftraggebern) zu gefallen.“[3] Und wie so oft reagiert die Ältere „[m]it Befremden […] auf die Geburt ihrer kleinen ‚Schwester‘“, weil diese, „[w]ie das so […] mit kleineren Geschwistern“ ist, „ein bißchen peinlich“ ist.[4] Denn sie „ist so gar nicht bereit, sich an internationale Empiriestandards zu halten, weswegen man sie auf Kongressen möglichst ignoriert oder am besten gar nicht mitnimmt.“[5] Es ist eben

„eine typische kleine Schwester: Ziemlich respektlos gegenüber den mühsam erworbenen methodischen Normen, stellt sie andere Begriffe in den Raum wie z. B.: Sinn, Ästhetik, hermeneutische Analyse, Ganzheitlichkeit und Komplexität. Manchmal läßt sie sich durch ihre Begeisterung für Sprachspiele zu gedanklichen und begrifflichen Ungenauigkeiten hinreißen, auch darin ganz jüngere Schwester. Das wiederum kann die Ältere überhaupt nicht verstehen, geschweige denn durchgehen lassen. Wenn sie die Gelegenheit dazu hat, ahndet sie solche Vergehen ihrer kleinen Schwester streng!“[6]

Bei den beiden Schwestern handelt es sich einerseits um die Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (PuK), die zunächst als Zeitungswissenschaft während des Ersten Weltkriegs entstand,[7] und andererseits um die Medienwissenschaft respektive ihrer Ausprägung als Medienkulturwissenschaft, die ihre Anfänge in den 60ern in ihrer „Mutterwissenschaft“[8] Literaturwissenschaft bzw. Germanistik[9] als „Film- und Fernsehwissenschaft“ bzw. als „Filmphilologie“[10] nahm und „in den 80ern gleichsam noch einmal erfunden wurde, und zwar in einem einigermaßen komplizierten Spannungsfeld zwischen den beiden bestehenden Medienwissenschaften alias Film- und Fernsehwissenschaften und PuK und der jeweiligen Heimatdisziplin, was eben meist die Literaturwissenschaft war“.[11] Schon dieses Geschwisterverhältnis sowie die doppelte Geburt erschweren es, zu verstehen, was Medienwissenschaft überhaupt sein soll. Claus Pias hält entsprechend fest: „Medienwissenschaft ist nicht gleich Medienwissenschaft.[12] Die große Trennung zwischen PuK und Medien(kultur)wissenschaft, die sich im deutschsprachigen Raum auch in zwei unterschiedlichen Fachgesellschaften niederschlägt – Deutsche Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) und Gesellschaft für Medienwissenschaft (GfM) –, beschreibt er dabei wie folgt:

„Stark vereinfacht gesagt, ist die Medialitätsforschung verbunden mit qualitativen Ansätzen, einer Orientierung in Richtung Kulturwissenschaften, eher historischer Ausrichtung und einem Verständnis von Theorie als Meta-Perspektive. Dagegen ist PuK verbunden mit quantitativen Ansätzen, einer Orientierung Richtung Soziologie und Politikwissenschaften, eher gegenwartsbezogen und mit einem Verständnis von Theorie als Systematisierung von Forschungsabläufen.“[13]

Schäfer bringt den Unterschied in ihrem Bild der beiden Geschwister pointierter und mit einer gewissen „Polemik“ auf den Punkt:[14]

„Am liebsten stehen die beiden ‚Schwesterdisziplinen‘ Rücken an Rücken und schauen in unterschiedliche Richtungen: Die Medienwissenschaft gen Himmel, um sich zu großen Gedanken inspirieren zu lassen, die Publizistik- und Kommunikationswissenschaft auf den Boden – um Erbsen zu zählen!“[15]

Schon Theodor W. Adorno hat zur empirischen Sozialforschung, zu der auch die PuK gezählt werden kann und will, festgehalten, dass sie durch „die Annäherung […] an die Naturwissenschaften, die aus dem Bedürfnis nach Exaktheit laboratoriumsähnliche Bedingungen zu schaffen trachtet“ sich „prinzipiell die Behandlung der Totalität der Gesellschaft“ verwehrt,[16] also genau das, was die kleine Schwester mit ihren großen Gedanken in den Blick nehmen möchte. Denn wenn sich Medienwissenschaft mit „Repräsentationsverfahren, Apparaten, Institutionen und Praxen die an der Konstitution, Zirkulation, Verarbeitung und Speicherung von Wissen beteiligt sind“, beschäftigt, kann sie „– im besten Fall – Fragen formulieren, die an die Grundbegriffe und Betriebsblindheiten von Wissenschaften rühren, die (nach Heideggers oft zitierter Beobachtung) aufhören zu denken, sobald sie funktionieren“.[17] In diesem Verständnis ist Medienwissenschaft „nicht von Gegenständen oder Methoden her gedacht, sondern als Diskursstrategie. Ihr Einsatz ist ein wissen(schafts)spolitischer“.[18]

Auch wenn es immer wieder Versuche der Kopplung und Verbindung der zwei Schwestern gab, bleibt die hier skizzierte Differenz bis heute bestehen, die auf den ersten Blick eben auf der Unterscheidung zwischen quantitativen und qualitativen Methoden beruht, auch wenn selbst diese Unterscheidung bereits begrifflich nur einer der beiden Disziplinen entlehnt ist und somit bereits in der Beschreibung eine Asymmetrie mit sich führt.[19] Eigentlich aber scheint der Unterschied viel tiefgreifender. Es ist ein komplett unterschiedliches Verständnis davon, was Wissenschaft ist und tun soll. Statt dem „Bestreben, sich an hieb- und stichfeste Daten zu halten“, die, polemisch formuliert, die Gefahr der „Beschränkung auf das Unwesentliche im Rahmen unbezweifelbarer Richtigkeit“ mit sich bringt und, statt „die Gegenstände durch Methoden“ vorzuschreiben,[20] die Methoden dem jeweiligen Gegenstand anzupassen, verfährt Medien(kultur)wissenschaft genau entgegengesetzt. „Sie vervielfacht die Gegenstände und problematisiert zugleich die etablierten Weisen, sie zu behandeln“, ohne aber „den Status einer Metawissenschaft“ zu beanspruchen.[21] Oder, wie es Eva Horn nicht ganz so positiv formuliert: „Unlike literary studies (the original discipline of many of Germany’s chief media theorists) and even gender studies (a similarly recent field but one with fewer problems defining its object), ‘media studies’ seems to lack a consensus about its field and/or object of study“,[22] wobei sie weiter ausführt:

„Despite the absence of any common concept or method concerning media, German theorists share both a propensity for questioning the epistemological foundations of knowledge (and thus for constructivist approaches in philosophy as much as in media theory) and common media experiences […].“[23]

Hiermit scheinen die Unterschiede zwischen Medien- und Kommunikationswissenschaft und auch die grundlegende Fassung der Medienwissenschaft umrissen, wenn auch nicht gerade klar. Doch so einfach ist das Verwandtschaftsgeflecht nicht, denn unter dem Namen Medienwissenschaft verbergen sich nicht nur die beiden Schwestern, sondern der Platz der einen Schwester wurde zunächst sogar von einer anderen besetzt.

Die vielen Gesichter der Medienwissenschaft

Bevor ab „Mitte der achtziger Jahre […] das Paradigma der Medialität zum herrschenden“ wurde,[24] war es zunächst die Beschäftigung mit Film und Fernsehen in der Literaturwissenschaft, die die Grundlage für eine nicht-kommunikationswissenschaftliche Medienwissenschaft legte und unter dem Namen Filmphilologie, das literaturwissenschaftliche Erbe unterstreichend, firmierte.[25] In den 1970ern begann sich die Literaturwissenschaft zunächst mit Literaturverfilmungen zu beschäftigen,[26] weil dies überhaupt erst die Beschäftigung mit anderen Medien rechtfertigen konnte.[27] Hinter dieser Entwicklung steckt die veränderte Medienlage, die es fast unmöglich machte, „den Film als Kommunikationsmittel einer Massenkultur“ weiter zu ignorieren.[28] Die Literaturwissenschaft reagierte mit der Erweiterung ihres Textbegriffs:[29] „In der Kopplung von Ästhetik, Technik und Ideologiekritik, aber auch im Hinblick auf medienpraktische oder -aktivistische Arbeit entdeckte sie das Politische des Alltags und der Popkultur und erhob bislang minderreputierte Phänomene in den Rang ernstzunehmender wissenschaftlicher Gegenstände […].“[30] Allerdings hält Oliver Jahraus fest, dass die „Filmphilologie keine Medienwissenschaft“ war, man könne sie „[b]estenfalls […] eine Medienwissenschaft avant la lettre nennen.“[31] Es ist aber der Beginn einer Ausdifferenzierung einer „historisch-kritische[n] und mit geisteswissenschaftlichen Methoden arbeitende[n] Medienwissenschaft“.[32] Mit dem Hinzutreten anderer Perspektiven wie z. B. der Theaterwissenschaft, der Filmsemiotik, der schon deutlich älteren Filmkritik, der Anknüpfung „an die französischsprachige cinéma-Forschung und [an] die Ansätze der angloamerikanischen new film history“ bildete sich die Perspektive der (oftmals immer noch klar literaturwissenschaftlich fundierten) Film- und Fernsehwissenschaft,[33] die oft ebenfalls einfach als Medienwissenschaft bezeichnet wurde,[34] auch wenn dies nicht unbedingt der Selbstbeschreibung aller sich mit Film beschäftigenden Wissenschaftler*innen entsprach oder entspricht.[35]

Es war wiederum vor allem die Disziplin der Literaturwissenschaft, die ab Mitte der 1980er Jahre Impulse sowohl der Film- und Fernsehwissenschaft als auch der Publizistikwissenschaft aufgriff und mit Überlegungen zur Medialität und der Rolle der Technik für unser Denken sowie Foucaults Diskursanalyse verknüpfte[36] – und sich so von der für deutschsprachige Geisteswissenschaften üblichen Technophobie absetzte –, um so ein neues Verständnis von Medienwissenschaft zu schaffen. Pointiert formuliert: „Die Medienwissenschaft der achtziger Jahre ist der Einbruch der Frage nach der Technik in die Geisteswissenschaften gewesen.“[37] Verbunden ist dieser Einbruch oder diese Erneuerung vor allem mit dem Namen Friedrich Kittler.[38] Dieser stellte, wie es Bernhard Siegert formuliert, die Diskursanalyse von ihrem philosophischen und archäologischen Kopf auf ihre historischen und technischen Füße.[39] Die ältere und die neuere Medienwissenschaft unterscheidet Malte Hagener etwas despektierlich wie folgt:

„Medienwissenschaft 1.0 – Film- und Fernsehwissenschaft in ihrer bisweilen kleinkarierten Konzentration auf Texte, ihre Produktion, Zirkulation und Rezeption – und Medienwissenschaft 2.0 – mit ihrer eigenen Mischung aus historischer Epistemologie, Science- and Technology Studies, philosophischem Diskurs, dekonstruktivistischer Zerstörungswut, sprachlicher Assoziationsfreude und ontologischem Raunen, deren Anspruch gar nicht hochtrabend genug daherkommen kann […].“[40]

Hier finden wir also die kleine Schwester vom Anfang wieder. Die Familienbeziehungen zu beschreiben, wird dabei immer schwieriger. Vielleicht sollte man es lieber, wie dies bisweilen in ländlichen Gefilden üblich war, mit der Behauptung einer Verwandtschaft ohne Spezifizierung belassen. Noch unübersichtlicher wird das Ganze dadurch, dass sich die jüngere Schwester ebenfalls weiter verändert und neue Zieheltern oder Freund*innen findet.

Medienkulturwissenschaft

Im Laufe der 1990er Jahre gewannen zwei weitere Perspektiven für die Medienwissenschaft an Bedeutung, einerseits die Medienphilosophie[41] und andererseits die Kulturwissenschaft. Die Medienphilosophie, vage als „philosophisch ausgewiesenes Nachdenken über Medien“ verstanden,[42] das nicht nur in der Philosophie, sondern gerade auch in der Literaturwissenschaft stattfand und dabei sogar „das Selbstverständnis und die Selbstbeschreibung“[43] der Disziplin veränderte, hat zum Beispiel „die Mediengeschichte in genau jene Geschichte der Theorie oder gar der Philosophie“ wiedereingeschrieben, „von der man sich zuvor so entschieden abgewandt hatte“[44] (eben durch das gerade genannte technische Apriori sowie die Idee einer Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften[45]). Die stärkere kulturwissenschaftliche Prägung der Medienwissenschaft – im angeblichen Gegensatz zu den eigenen philologischen Ursprüngen–,[46] kam durch den cultural turn hinzu. Sie schrieb neben einem möglichen technischen Apriori Medien eine kulturelle Bedeutung zu, „um nicht nur alle technischen Ausformungen von Medien, sondern auch alle Zeichenstrukturen, Kommunikationsformen und kulturellen Prozesse zu erhellen und zu erschließen“.[47] „Das Eindringen der Medialität in die Ordnung der Dinge“ ist, so Helmut Lethen, „eine der wichtigsten Erkenntnisse der Kulturwissenschaften“.[48] Aus der daraus folgenden Erkenntnis, dass „Kulturwissenschaft ohne Medientheorie nicht auskommen kann“ (und wohl auch vice versa),[49] formte sich die aktuelle Medienkulturwissenschaft. Diese soll sich, so Jörg Schönert, mit „Konstellationen und Geschichte medienbestimmter Kulturzusammenhänge“ beschäftigen.[50] Siegfried J. Schmidt, der als einer der Hauptvertreter dieser Neuausrichtung gelten kann, formuliert ihre Aufgabe abstrakt wie folgt: „Medienkulturwissenschaft untersucht Probleme, die wir mit dem Zusammenwirken von Wirklichkeitsmodellen, Kulturprogrammen und Mediensystemen in unserer Kultur haben.“[51] Andere Bestimmungen finden sich zahlreich, so zum Beispiel:

„Medienkulturwissenschaft macht sich zur Aufgabe, die kulturelle Wirksamkeit von alten und neuen Medien, von vergessenen und hegemonialen Medien zu untersuchen. Dabei fragt sie zugleich auch danach, welche Zäsuren Medien in unsere Vorstellungen von Kultur und Gesellschaft, von Information und Rauschen, von Wissen und Erfahrung eintragen. Anstatt von unhintergehbaren Kausalitäten geht sie dabei von Gefügen aus, in denen Medien sich (als Singularitäten) herausbilden und diskontinuierliche Beziehungen zu mikro- und makropolitischen Konstellationen unterhalten.“[52]

Veronika Pöhnl wiederum definiert „‚kulturwissenschaftliche Medienwissenschaft‘“ bzw „‚Medienkulturwissenschaft‘“ als „a certain branch of media approaches in between philology, aesthetics, and techno-philosophy characterized by a special attention on materiality in relation to cultural processes and products“.[53] Oliver Ruf, Patrick Rupert-Kruse und Lars C. Grabbe sehen „ihre Gegenstände aus einem erweiterten Text- und Kulturverständnis, das fiktionale und fiktive respektive unterhaltende und unterhaltsame mediale Formen gemäß ihrer germanistisch-literaturwissenschaftlichen Herkunft auslotet“, gespeist.[54] Dabei versteht die Medienkulturwissenschaft diese Gegenstände als „Einzelfälle“ und „Singularitäten in ihrer spezifischen Auffälligkeit, die sie analysiert und interpretiert – mit einer darauf rekurrierenden Theorie im Rücken und einer fundierenden Geschichte im Brennpunkt“.[55]

Ob nun das Primat auf Medien oder auf Kultur liegt, ob Medienkulturwissenschaft sich jetzt im Besonderen mit so zu nennenden Medienkulturen oder mit dem allgemeinen Zusammenspiel von Medien und Kulturen beschäftigt, kann nicht einheitlich beantwortet werden, sondern nur in der Praxis ausgelotet werden. Wie Lorenz Engell, Bernhard Siegert und Joseph Vogl im Bezug auf das Verhältnis von Medien- und Kulturgeschichte festhalten:

„Offenbar ist es mit der Beziehung zwischen Mediengeschichte und der Kulturgeschichte wie bei jedem Spiel. Man kann über Strategien und Chancen theoretisieren, so lange man will, man wird das Spiel und das, was dabei auf dem Spiel steht, so nicht erfassen. Um ein Spiel zu erfassen, muss es gespielt werden.“[56]

Medienkulturwissenschaft unterscheidet sich somit deutlich in ihrer Ausrichtung, ihrem Umfang, ihrer Methodik und in ihren theoretischen Grundlagen von einer Kommunikations- und Medienwissenschaft, die sich selbst als empirische Sozialforschung versteht und dabei größere internationale Anschlussfähigkeit generieren kann. Es ist die eben beschriebene Position der deutschsprachigen Medienkulturwissenschaft, die sie zu einer Singularität macht und ihr „eine medienwissenschaftliche] Sonderstellung“ im internationalen Rahmen einbringt.[57] Wie Geoffrey Winthrop-Young in einen viel bemerkten Aufsatz festhält, fällt vor allem die Tatsache auf,

„dass seit den […] achtziger Jahren bestimmte medienwissenschaftliche Zugänge, deren Hintergründe, Begrifflichkeiten und Verfahrensweisen, mit denen der etablierten empirisch oder sozialwissenschaftlich Medien- und Kommunikationsforschung kaum unter einen Hut zu bringen sind, sehr viel einflussreichere Positionen einnehmen als anderswo.“[58]

Die genannten Zugänge würden sich dabei zwischen Systemtheorie, Poststrukturalismus, Konstruktivismus und – wie Friedrich Balke anmerkt[59] – Diskursanalyse in den mannigfaltigsten Ausprägungen bewegen.[60] Die Besonderheit beruhe dabei aber auf den „inkompatible[n] Supertheorien und Paradigmen, welche mit ihren konzeptuellen Ausschließlichkeitsansprüchen Synthesen und Zusammenführungen ungemein erschweren“.[61] Einen würde sie aber „ihrer Anschlussfähigkeit an epistemologische Fragestellungen“ in guter deutschsprachiger Tradition sowie die Übertragung des „Sendungsbewusstsein[s] der Germanistik […] auf die Medienwissenschaft“.[62] Gleichzeitig wären diese Supertheorien keine „verbindlichen Alphatheorien“, da sie keinen „hegemonialen Status“ genießen.[63] Gerade im deutschsprachigen Raum seien es eben im Besonderen „die methodologisch riskanteren Positionen“, die „theoretisch diskutiert und in der Forschung produktiv“ werden.[64] Dennoch weist Claudia Breger richtigerweise darauf hin, dass es wohl wenig „sinnvoll“ sei, „die Frage nach aktuellen intellektuell-akademischen Konfigurationen im Rekurs auf die Kategorie der Nation zu stellen“,[65] ginge es doch vor allem um „die Verschränkung von Theorieproduktion mit spezifischen institutionellen Bedingungen“,[66] die zwar mit den jeweiligen lokalen oder länderspezifischen Gegebenheiten zusammenhingen, aber dadurch nicht in einem emphatischen Sinne deutsch seien.[67]

Rüdiger Campe versucht die Besonderheit auch historisch zu begründen, indem er mit Verweis auf Alexander Gottlieb Baumgarten, Ernst Kapp und Walter Benjamin aufzeigt, dass „[d]er deutsche Sonderweg der gegenwärtigen Medientheorie […] Tradition“ hat und versucht, „innerhalb großer philosophischer Systeme – von Leibniz über Hegel zu Heidegger – dem Vordringen der naturwissenschaftlich-technischen Kultur Ausdruck zu geben“,[68] also zu erfassen, wie Technik Kultur und Denken mitbestimmt und verändert. Oder kürzer formuliert: Man versucht „die Technik oder das, was im Geist nicht denkt, zu denken“.[69] Hier kommen also die Fragen nach den diskursiven und technischen Voraussetzungen unseres Wissens und Handelns zusammen.

Balke kommt zum Schluss: „Es spricht einiges dafür, die Medienwissenschaft als die Fortsetzung der Philologie mit anderen Mitteln zu betrachten“.[70] Dies ist eine Beobachtung, die auch schon Ralf Schnell macht,[71] und das obwohl Medienwissenschaft, Kulturwissenschaft sowie Medienkulturwissenschaft gerne als Gegensätze oder Feindbilder der traditionellen Philologie inszeniert wurden. Denn gerade auch die Medienkulturwissenschaft betreibe ein „mikrologisches Spurenlesen“ und würde Äußerungen oder auch Medien jeglicher Art „rigoros“ in ihren „mediengeschichtlichen Voraussetzungen“ sowie ihren „kulturellen Konsequenzen ausbuchstabier[en]“.[72]

Aus der Kombination von Balkes und Campes Überlegungen ließe sich die vielleicht wirklich zentrale Besonderheit oder das Spezifikum deutschsprachiger Medienkulturwissenschaft ableiten, die stark an einer deutschsprachigen Tradition der Geisteswissenschaften[73] und insbesondere der Philologien hängt: Wir setzen uns einerseits vor allem mit Gedanken auseinander und spüren ihnen und ihren Voraussetzungen, ihren „historischen und epistemischen Rahmenbedingungen“ nach.[74] Das erklärt auch das Zusammenspiel von Medien, Kultur und Technik, denn alle drei sind in gewisser Weise Bedingungen der Möglichkeit des Denkens und stehen mit ihm in einem komplexen, reziproken Verhältnis.

Andererseits untersuchen wir sie in ihren verschiedenen Realisationen mit einer „exemplarischen und gründlichen Analyse“ und Interpretation.[75] Gegenstand ist nicht so sehr das Objekt selbst, sondern die Art und Weise, wie man es erfassen kann und wie es auch historisch gesehen erfasst wurde, und in einem zweiten Schritt die genaue Beobachtung und Interpretation, die man als close reading oder eine dichte Beschreibung[76] bezeichnen könnte – und die eben nicht mehr nur auf die kulturellen und ästhetischen Werke (interne Interpretation) angewendet wird, sondern auch auf die Produktion, Rezeption oder andere soziokulturelle Parameter (externe Interpretation), weil die verschiedenen Elemente sowieso immer schon miteinander in Verbindung stehen.[77] Es geht also um „mehr oder minder spekulative, wenngleich begründungsorientierte Interpretationsvorschläge zum angemessenen oder doch zumindest besseren Verständnis medialer Artikulationsformen in deren jeweiligen kulturellen, sozialen, institutionellen wie technischen Situiertheit“.[78] Besonderer Berücksichtigung bedarf dabei auch noch die Situiertheit im „Gesamtmediensystem einer Gesellschaft“.[79] Diese führt dazu, dass Medien immer miteinander in Verbindung stehen, weshalb sich eine Medienkulturwissenschaft nicht auf ein Einzelmedium beschränken sollte. Dies dient aber auch noch einem anderen Zweck, denn da „das Spezifikum eines Mediums, seine Medialität, erst im Vergleich mit einem anderen Medium, und zwar im Blick auf etwas Drittes (etwa die kommunikative Leistung, die ästhetische Form oder die technische Gestaltung) ersichtlich wird“, muss Medienkulturwissenschaft „stets eine komparative Perspektive“ einnehmen,[80] also immer auch Medienkomparatistik sein.[81]

Diese Aspekte zusammen bilden die „Option, die (Auf-)Stellungen der Medien sowohl theoretisch zu reflektieren und an thematischen Fallstudien zu spezifizieren als auch im praktischen Austausch in historischer Sichtweise zu diskutieren“.[82] Diese Perspektiven, kombiniert mit der „methodische[n] Herausforderung […], sich permanent die mediale Verfasstheit ihrer Gegenstände, ihres Quellenmaterials und ihrer methodischen Werkzeuge bewusst zu machen“,[83] – dass man also nur aus Kultur über Kultur und dass man nur mit Medien über Medien sprechen kann[84] – zeichnet die Medienkulturwissenschaft aus. Die Frage, ob es sich dabei nun um eine Disziplin,[85] eine Superdisziplin[86] oder ein inter- und transdisziplinäres Forschungsfeld[87] handelt, wird unterschiedlich beantwortet.[88] Ich möchte mich, vorerst, für die von Pias vorgeschlagene Perspektive einer Diskursstrategie entscheiden, die in und quer zu allen möglichen Disziplinen eingesetzt werden kann.

Selbst wenn man der Rede vom deutschsprachigen Sonderweg nicht folgen will, sondern ihn als „strukturelle Variante“ verstehen möchte,[89] lässt sich nicht leugnen, dass sich die Medienkulturwissenschaft teilweise enorm von den anglophonen Media Studies unterscheidet – auch wenn es seit den 1990ern einen durchaus relevanten Export dieser Positionen gerade nach Amerika gab, der dort aber unter dem Begriff ‚German Media Theory‘ auch immer noch als etwas Anderes markiert wird.[90] Zusammenfassend zeichnet Medienkulturwissenschaft also die Verbindung von (abstrakter) Theoriearbeit und (spezifischer) Einzelanalyse – als Fortsetzung des philologische Spurenlesens – sowie die Reflektion medialer, technischer, diskursiver und kultureller Bedingungen aus. Medienkulturwissenschaft ist nicht auf Einzelmedien beschränkt – und entsprechend ist eine medienkomparatistische Perspektive für sie besonders gewinnbringend.[91] Medienkulturwissenschaft ist dabei nicht so sehr eine Disziplin, sondern eine in vielen Einzeldisziplinen vertretene Diskursstrategie. Diese Fassung mag wohl auch ein Grund sein, warum sich die deutschsprachigen Game Studies oder, besser, die Spielwissenschaft so erheblich von Ausprägungen in anderen Ländern unterscheiden.

Medienkulturwissenschaft und Spielwissenschaft

Nach dem angeblichen Startschuss der Game Studies im internationalen Raum[92] entstanden die deutschsprachigen Game Studies um die Jahrtausendwende (mit nicht wenigen früheren Vorläufer*innen) und zwar, als die gerade skizzierten Debatten und Veränderungen, vor allem in der Literaturwissenschaft, heftig tobten. Diskutiert wurde im Grunde: Sollte sich die Literaturwissenschaft als Medienwissenschaft, als Kulturwissenschaft oder weiterhin als Philologie verstehen?[93] Darüber hinaus waren natürlich auch noch andere Fächer beteiligt, die Diskussion über Medientheorie und -wissenschaft war aber für das Feld von besonderer Bedeutung, wie auch Sonia Fizek festhält:

„What was about to take the shape of German game studies, emerged as a series of interconnected initiatives by a generation of back then early career scholars of media theory, cultural studies and philosophy. This tradition remains lively until today. And it is the affinity between Spielwissenschaft and Medienwissenschaft, which in my understanding, defines and entrenches the place of game studies within the German academic landscape.“[94]

Es waren also schon von Beginn an vor allem die Medien- und Kulturwissenschaften,[95] speziell innerhalb der Philologien, die sich mit Computerspielen auseinandersetzten, und entsprechend prägen auch ihre Debatten und Diskussionen das Feld bis heute. Ihre erste institutionelle Heimat im deutschsprachigen Raum fanden die Game Studies deshalb auch als AG Games 2003 in der Gesellschaft für Medienwissenschaften (GfM).[96] Gerade der medienkulturwissenschaftliche Ansatz, dem auch die Gesamtausrichtung der GfM zu folgen scheint,[97] war es, der sich als besonders tragfähig erwies und der auch das Verhältnis der Game Studies zu ihren ‚Elterndisziplinen‘, in diesem Fall vor allem der Literaturwissenschaft, anders denken lässt:

„While literary studies can be seen as a parental discipline of game studies, in the context of a media culture studies framework they become more like siblings. Both are concerned with different types of media and their specific mediality but with an overarching perspective […]. While in praxis the degree of institutionalization might be quite different because of existing hierarchies and because some might still look down upon games research, in theory the research fields themselves are equitable in the context of a broader media culture studies approach. This places game studies and literary studies in a paradoxical situation as the latter informs the first in its basic concepts and structure, and still game studies is not subsumed as a subfield or a singular research interest.“[98]

Ähnliches beschreibt auch bereits Lorenz Engell, wenn er mit Bezug auf die „Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Kommunikations- und Medienwissenschaften in Deutschland“[99] des Wissenschaftsrats von 2007 festhält, dass man zwischen „‚Einzelmedienwissenschaften‘“ und „‚Medialitätsforschung‘“ unterscheiden könne:[100]

„Die ‚Einzelmedienwissenschaften‘ brauchten sich demnach die Frage nach ‚dem‘ Medium nicht mehr zu stellen: Es genügte, wenn sie jeweils das einzelne Medium verstünden, dem sie gewidmet sind – Buchwissenschaft, Bildwissenschaft, Filmwissenschaft, Sound Studies, Game Studies. Die Königsdisziplin aber (und daher allein auf der Ebene der Graduiertenstudien anzusiedeln) sei, so dieses Papier, die sogenannte ‚kulturwissenschaftliche Medialitätsforschung‘. Sie befasse sich übergreifend nicht mehr mit – konkreten – ‚Medien‘, von denen eben eine Literaturwissenschaft meist auch nur begrenzt Kenntnis hat, sondern vielmehr mit einer – abstrakten und allgemeinen – ‚Medialität‘.“[101]

So gesehen können die deutschsprachigen Game Studies primär als eine Ausprägung oder, besser, als Ort der medienkulturwissenschaftlichen Diskursstrategie verstanden werden. Dies bedeutet aber eben nicht, dass nicht andere Disziplinen an diesem Projekt mitwirken – im Gegenteil. Denn so verstanden geht es eben nicht um einen primär von einer Disziplin aus geführten Zugriff, sondern eine dazu quer liegende Perspektive, die ihren Niederschlag in verschiedensten Disziplinen fand und die auch wiederum auf diese Disziplinen rückwirkt, um Spiel(en) nicht isoliert, sondern in seinen vielfältigen Zusammenhängen zu begreifen.

Vielleicht ergibt sich gerade aus dieser Perspektive auch, warum der gebräuchliche Name „Game Studies“ nicht unbedingt das beschreibt, was die deutschsprachige Spielforschung ausmacht. Der 2025 erarbeitete Vorschlag einer deutschsprachigen Spielwissenschaft folgt in gewisser Weise einem medienkulturwissenschaftlichen Paradigma, wenn eine „transdisziplinäre Spielwissenschaft“, „die Geschichte und Form des Spiels in ein eher dialektisches und sich gegenseitig evozierendes Wechselverhältnis von technischer Genese und kulturellen epistemischen Praktiken […] setzen soll“.[102] Denn was heißt das anderes als die Verbindung von Medium und Kultur in seinen verschiedensten Ausprägungen in Bezug auf Spiel(en) zu untersuchen? Dies würde auch dem von Oliver Jahraus propagierten Verhältnis zwischen Subjektgeschichte und Medienkulturgeschichte entgegenkommen. Denn Jahraus folgend konstruieren Medien Subjektivität und reflektieren zugleich deren Grenzen.[103] Subjektivität korreliert damit immer schon mit Medialität, weil Subjekte sich maßgeblich über Medien bestimmen und diese wiederum unsere „krisenbehaftete […] Subjektivität“ aushandeln.[104] Hieraus folgt auch sein Konzept einer Medienkulturgeschichte:

„[S]ie ist gerade keine Motiv- und Stoffgeschichte. Vielmehr sind Subjekt- und Medienbegriff in einem jeweils kulturell vor- und ausgeprägten Bestimmungsverhältnis so wechselseitig aneinander gebunden, dass Gegenstand und Art der medialen Vermittlung sich gleichermaßen wechselseitig bedingen. Subjekttheorie und was damit zusammenhängt, zum Beispiel eine Bewusstseins- oder eine Kulturtheorie, wird somit zur Grundlagentheorie der Medientheorie und vice versa und zum Kernstück einer Medienkulturwissenschaft.“[105]

Obgleich bereits Christian Moser und Regine Strätling feststellen, dass Spiele Medien und Techniken der Subjektivierung seien,[106] nimmt Jahraus

„dabei aber dennoch nicht Spiele, sondern vor allem Film und Literatur in den Blick, obwohl sogar behauptet werden kann, dass eine Spielgeschichte diesen beiden medialen Formen übergeordnet werden könnte. Denn das Spiel ist eben nicht auf bestimmte technische Apparate, Techniken der Verbreitung oder soziale oder kulturelle Institutionen angewiesen, sondern eine viel basalere Kulturtechnik, die wiederum für das Verständnis insbesondere anderer fiktionaler Medien verwendet werden kann.“[107]

In diesem Spielverständnis, das zugleich ein Wissenschaftsverständnis miteinschließt,[108] ist Spielwissenschaft oder Spielgeschichte vielleicht mehr als bisher skizziert. Sie ist nicht einfach nur die Fortsetzung einer Literatur- oder Filmwissenschaft oder -geschichte,[109] sondern die Fortsetzung einer Medienkulturgeschichte und -wissenschaft,[110] deren Gegenstand zwar auch die konkretisierte Form des Spiels (seien es Computerspiele, Brettspiele oder Sonstiges) ist, aber die vor allem Spielen sowie das Denken über Spiele(n) in all seinen medialen, technischen, kulturellen, sozialen und diskursiven Bedingungen in den Blick nimmt. Dabei zeigt Claus Pias bereits, welchen Stellenwert Spieltheorien selbst haben, wenn er sie als latente „Sozialtheorien“ begreift, die „ihren Einsatz anscheinend stets dann, wenn gesellschaftliche Umbruchssituationen sich abzuzeichnen begannen, erhielten“[111] – und das historisch jeweils unterschiedlich.[112]Das Spiel ist nicht etwas, sondern war immer etwas Verschiedenes zu verschiedenen Zeiten.“[113] Das Verständnis von „Spieltheorie als Krisentheorie“, nicht als „jenseits problematischer Verhältnisse, sondern [als] ihr produktives Verwaltungszentrum“ zeichnet für Pias eine gegenwärtige „Konstellation, in der es Sache der Spiele ist, das Spiel der Gesellschaft, des Lebens oder des Wissens zu denken“.[114] Hier sind sie wieder, die großen Gedanken – inklusive Selbstproblematisierung und -reflexion – der kleinen Schwester, die eine Seite der Medienkulturwissenschaft ausmachen. Aber auch die andere Seite, die genaue Analyse und Interpretation, gehört dazu, denn „konkrete Spiele [lassen] die Spieltheorie erst denken, was das Wesen des Spiels sei“,[115] weshalb es für eine Spielwissenschaft von erheblichem Interesse sein muss, „die Konkreta der Spiele zu berücksichtigen und möglicherweise zu ihrem produktiven Ausgangspunkt zu machen“.[116] In dieser Lesart sind Spiele als „Orte der Theorie“ zu begreifen,[117] nicht nur, weil sie die konkreten Manifestationen von Spieldenken sind, sondern auch, weil sie – wie Theorie selbst – analytisch und spekulativ zugleich sind.[118] Auch die Differenzierung in großes Nachdenken und diffizile Interpretation wiederholt diese beiden Anteile auf höherer Ebene und bildet damit die Einheit der Differenz,[119] fast als könnte man auch auf die Spieltheorie die Differenz einer Spieltheorie selbst (paidia/ludus)[120] anwenden. Hier begeben wir uns auch erneut in die von der Medienkulturwissenschaft eingeforderte Selbstreflexions- und -problematisierungsschleife. Wie wir über Spiele nachdenken, hat etwas mit unserem Selbstverständnis als Wissenschaftler*innen und als Menschen zu tun. Und so, wie wir nur aus Kultur über Kultur, nur mit Medien über Medien nachdenken können, braucht die Spielwissenschaft nicht nur die Spiele, sondern das Spiel der Wissenschaft[121] – und das muss, wie schon Engell, Siegert und Vogl feststellen,[122] gespielt werden, um erfasst werden zu können.[123] Spielwissenschaft ist in diesem Verständnis selbst auf dem Sprung, entweder zur Metadisziplin[124] oder zu einer eigenen Diskursstrategie zu werden.

 

Medienverzeichnis

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Balke, Friedrich. „Verspätete Nationen? Replik auf Geoffrey Winthrop-Young”. Zeitschrift für Kulturwissenschaften 2 (2008): 129–133.

Becker, Manuel, Alan Lena van Beek, Benjamin Beil, Dîlan Canan Çakir, Ines Eleslambouly, Astrid Ensslin, Sonia Fizek, Melanie Fritsch, Thomas Hensel, Greta Hoffmann, Stefan Höltgen, Rudolf Inderst, Jens Junge, Jochen Koubek, Sebastian Möring, Britta Neitzel, Rolf Nohr, Peter Podrez, Andreas Rauscher, Markus Rautzenberg, Lies van Roessel, Timo Schemer-Reinhard, Tobias Unterhuber, Finja Walsdorff, Stefan Werning und Tobias Winnerling. „Zur Etablierung einer Spielwissenschaft: Potenziale, Perspektiven und institutionelle Anforderungen“. PAIDIA – Zeitschrift für Computerspielforschung (2025). https://paidia.de/zur-etablierung-einer-spielwissenschaft.

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Bourdieu, Pierre. „Für eine Wissenschaft von den kulturellen Werken“. In: Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns (edition suhrkamp 1985). Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1998, 54–90.

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Abstract

Der Beitrag spürt der Geschichte der deutschsprachigen Medienwissenschaft in ihren verschiedenen Ausprägungen nach, von der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft über die Film- und Fernsehwissenschaft bis hin zur Medienkulturwissenschaft. Dabei soll gezeigt werden, wie sich die Besonderheiten der deutschsprachigen Spielwissenschaft aus den Diskussionen der Medienwissenschaft speisen, aber auch, wie daraus der Umriss einer eigenen Spielwissenschaft erwachsen könnte.

Autorenbiographie

Tobias Unterhuber studierte Neuere deutsche Literatur, Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft sowie Religionswissenschaft in München und Berkeley. 2018 promovierte er mit der Arbeit „Kritik der Oberfläche – Das Totalitäre bei und im Sprechen über Christian Kracht“. Er ist Postdoc für Literatur und Medien an der Universität Innsbruck, wo er auch die Forschungsgruppe „Game Studies“ leitet. Außerdem ist er Herausgeber der Zeitschrift PAIDIA – Zeitschrift für Computerspielforschung sowie der Zeitschrift für Fantastikforschung und Mitglied im Leitungsgremium des Arbeitskreises Geisteswissenschaften und Digitale Spiele. Seine aktuellen Arbeitsschwerpunkte liegen in der Medien- und Geschlechtergeschichte des Spiels und in der Fachgeschichte der Game Studies.

 


 

[1] In diesem Beitrag wird sowohl der Begriff ‚Game Studies‘ als auch der Begriff ‚Spielwissenschaft‘ verwendet, die hier, zumindest für den deutschsprachigen Raum, eigentlich deckungsgleich gesehen werden. Da aber der Begriff ‚Spielwissenschaft‘ als Selbstbezeichnung eine deutlich neuere Entwicklung darstellt, wird gerade in der historischen Rückschau zunächst vor allem von Game Studies gesprochen.

[2] In Laurence Sternes Roman will die Figur Tristram Shandy die Geschichte seines Lebens erzählen, holt dabei aber so weit aus und beginnt immer wieder neu anzusetzen, dass er schließlich kaum von seinem Leben erzählt. So wird er auch erst am Ende des dritten Buches überhaupt geboren. Vgl. Laurence Sterne, The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman (York/London: Ann Ward/Robert Dodsley/Becket & DeHondt, 1769–1767).

[3] Gudrun Schäfer, „‚Sie stehen Rücken an Rücken und schauen in unterschiedliche Richtungen‘. Zum Verhältnis von Medienwissenschaft und Publizistik- und Kommunikationswissenschaft“, in Über Bilder Sprechen. Positionen und Perspektiven der Medienwissenschaft, hrsg. Heinz-B. Heller, Matthias Kraus, Thomas Meder, Karl Prümm und Hartmut Winkler (Marburg: Schüren, 2000), 23–24, https://doi.org/10.25969/mediarep/14148. Auch Björn Bohnenkamp und Irmela Schneider greifen Schäfers Beschreibung bereits auf (Björn Bohnenkamp und Irmela Schneider, „Medienkulturwissenschaft“, in Einführung in die Medienkulturwissenschaft, hrsg. Claudia Liebrand (Münster: LIT Verlag, 2005), 40–41).

[4] Schäfer, „‚Sie stehen Rücken an Rücken‘“, 24.

[5] Schäfer, „‚Sie stehen Rücken an Rücken‘“, 24.

[6] Schäfer, „‚Sie stehen Rücken an Rücken‘“, 24.

[7] Oliver Ruf, Patrick Rupert-Kruse und Lars C. Grabbe, Medienkulturwissenschaft. Eine Einführung (Wiesbaden: Springer VS, 2022), 18, https://doi.org/10.1007/978-3-658-24395-1.

[8] Ruf, Rupert-Kruse und Grabbe, Medienkulturwissenschaft, 18.

[9] Wie sehr verschiedene Verwandtschaftsverhältnisse als Bilder für die Beziehung der verschiedenen Disziplinen virulent sind, zeigt sich daran, dass Anke-Lohmeier „die Literaturwissenschaft eine ‚legitime Taufpatin der Filmwissenschaft‘“ nennt. (zit. n. Klaus Kanzog, „Medien-Nachbarwissenschaften IV: Literaturwissenschaft“, in Medienwissenschaft. Ein Handbuch zur Entwicklung der Medien und Kommunikationsformen, 1. Teilband, hrsg. Joachim-Felix Leonhard, Hans-Werner Ludwig, Dietrich Schwarze und Erich Straßner (Berlin/New York, NY: De Gruyter, 1999), 313.

[10] Kanzog, „Medien-Nachbarwissenschaften IV“, 310.

[11] Claus Pias, „Was waren Medien-Wissenschaften? Stichworte zu einer Standortbestimmung“, in Was waren Medien?, hrsg. Claus Pias (Zürich: diaphanes, 2011), 29.

[12] Pias, „Was waren Medien-Wissenschaften?“, 25 (Hervorhebung im Original).

[13] Pias, „Was waren Medien-Wissenschaften?“, 26.

[14] Bohnenkamp und Schneider, „Medienkulturwissenschaft“, 41.

[15] Schäfer, „‚Sie stehen Rücken an Rücken‘“, 25.

[16] Theodor W. Adorno, „Empirische Sozialforschung“, in Theodor W. Adorno: Soziologische Schriften II, Zweite Hälfte, hrsg. Rolf Tiedemann (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1997), 358.

[17] Pias, „Was waren Medien-Wissenschaften?“, 16–17.

[18] Pias, „Was waren Medien-Wissenschaften?“, 17 (Hervorhebung im Original).

[19] Ähnlich wäre zum Beispiel auch die in empirischen Disziplinen gerne despektierlich gemeinte Beschreibung „Literaturarbeit“ einzuordnen, die ein auf Recherche und Lektüre basierendes Vorgehen beschreiben soll – im Gegensatz zum ‚tatsächlichen‘ empirischen Forschen.

[20] Adorno, „Empirische Sozialforschung“, 358.

[21] Pias, „Was waren Medien-Wissenschaften?“, 16.

[22] Eva Horn, „Editor’s Introduction: ‘There Are No Media’“, Grey Room 29 (2007), 7, https://doi.org/10.1162/grey.2007.1.29.6.

[23] Horn, „Editor’s Introduction”, 8.

[24] Helmut Schanze, „Literaturwissenschaft – Medienwissenschaften – Medienwissenschaft. Von der Literaturwissenschaft zur Medienwissenschaft“, Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 132 (2003), 141.

[25] Kanzog, „Medien-Nachbarwissenschaften IV“, 310.

[26] Natürlich war die Literaturwissenschaft nicht die erste, die sich eingehend mit dem Film beschäftigte. So entwickelte Siegfried Kracauer bereits seit den 1920ern aus seiner Filmkritik eine filmsoziologische Perspektive in den 1930ern; die institutionalisierte Wissenschaft braucht aber für solche Beobachtungen wohl etwas länger.

[27] Vgl. Oliver Jahraus, Literatur als Medium. Sinnkonstitution und Subjekterfahrung zwischen Bewußtsein und Kommunikation (Göttingen: Velbrück Wissenschaft, 2003), 63.

[28] Kanzog, „Medien-Nachbarwissenschaften IV“, 310. Ähnliche Erkenntnisse hatten aber auch schon Bertolt Brecht oder Walter Benjamin.

[29] Kanzog, „Medien-Nachbarwissenschaften IV“, 310–311.

[30] Pias, „Was waren Medien-Wissenschaften?“, 27.

[31] Jahraus, Literatur als Medium, 64 (Hervorhebung im Original).

[32] Peter Ludes und Georg Schütte, „Für eine integrierte Medien- und Kommunikationswissenschaft“, in Einführung in die Medienwissenschaft, hrsg. Peter Ludes (Berlin: Erich Schmidt Verlag, 1998), 46.

[33] Ursula von Keltz, „Wie jetzt? – Warum machst Du denn nicht Medienwissenschaft?!“, Augenblick. Marburger Hefte zur Medienwissenschaft 52 (2011), 6 (Hervorhebung im Original).

[34] Vgl. Malte Hagener, „Das Medium in der Krise. Der Film, das Kinematographische und der Wert von instabilem Wissen“, Augenblick. Marburger Hefte zur Medienwissenschaft 52 (2011), 36.

[35] Vgl. von Keltz, „Wie jetzt?“, 6; sowie Vinzenz Hediger, „Eine marginale Grundlagendisziplin. Verstreute Thesen und Beobachtungen zu Zustand und Zukunft der Filmwissenschaft“, Augenblick. Marburger Hefte zur Medienwissenschaft 52 (2011), 23–24.

[36] Was an dieser neuen Form von Medienwissenschaft empirisch sei, fassen Laura Niebling, Felix Raczkowski und Sven Stollfuß wie folgt: „Kittlers Empirie ist die der historischen Diskursforschung.“ Laura Niebling, Felix Raczkowski und Sven Stollfuß, „Medienwissenschaft und Methoden: Ein Eröffnungsplädoyer“, in Handbuch Digitale Medien und Methoden, hrsg. Laura Niebling, Felix Raczkowski und Sven Stollfuß (Wiesbaden: Springer VS, 2024), 7, https://doi.org/10.1007/978-3-658-36629-2_3-1.

[37] Rüdiger Campe, „Technik im Geist. Kommentar zu Geoffrey Winthrop-Young“, Zeitschrift für Kulturwissenschaften 2 (2008), 134.

[38] Andere mit dieser Verschiebung verbundene Namen wären Georg Christoph Tholen, Wolfgang Hagen, Jochen Hörisch und Norbert Bolz. Vgl. Horn, „Editor’s Introduction”, 9.

[39] Bernhard Siegert, „Cultural Techniques: Or the End of the Intellectual Postwar Era in German Media Theory“, Theory, Culture & Society 30, Nr. 6 (2013), 50, https://doi.org/10.1177/0263276413488963.

[40] Hagener, „Das Medium in der Krise“, 38.

[41] Vgl. Oliver Jahraus, Das Medienabenteuer (Würzburg: Königshausen & Neumann, 2017), 59–86.

[42] Jahraus, Das Medienabenteuer, 59.

[43] Jahraus, Das Medienabenteuer, 69.

[44] Knut Ebeling, Wilde Archäologien 1. Theorien der materiellen Kultur von Kant bis Kittler (Berlin: Kulturverlag Kadmos, 2012), 665.

[45] Vgl. Friedrich A. Kittler, „Einleitung“, in Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften. Programme des Poststrukturalismus, hrsg. Friedrich A. Kittler (Paderborn u. a.: Ferdinand Schöningh, 1980), 7–14.

[46] Vgl. Joachim Küpper, „Kulturwissenschaft“, Poetica 41 (2009), 3–9; sowie Jahraus, Das Medienabenteuer, 54–58.

[47] Jahraus, Das Medienabenteuer, 47.

[48] Helmut Lethen, „Nie mehr Davos“, Zeitschrift für Kulturwissenschaften 2 (2008), 140–141.

[49] Jahraus, Das Medienabenteuer, 56.

[50] Jörg Schönert, „Literaturwissenschaft – Kulturwissenschaft – Medienkulturwissenschaft. Probleme der Wissenschaftsentwicklung“, in Literaturwissenschaft – Kulturwissenschaft. Positionen, Themen, Perspektiven, hrsg. Renate Glaser und Matthias Luserke (Opladen: Westdeutscher Verlag, 1996), 196.

[51] Siegfried J. Schmidt, „Medienkulturwissenschaft“, in Einführung in die Kulturwissenschaften. Theoretische Grundlagen – Ansätze – Perspektiven, hrsg. Ansgar Nünning und Vera Nünning (Stuttgart/Weimar: J. B. Metzler, 2008), 366.

[52] Andrea Seier, „Medienkulturwissenschaft“, Maske und Kothurn 63, Nr. 1 (2017), 113.

[53] Veronika Pöhnl, „Transportation, Transformation, and Metaphoricity: Concepts of Transmission in ANT and German Media Theory”, in Analytical Frameworks, Applications, and Impacts of ICT and Actor-Network Theory, hrsg. Markus Spöhrer (Hershey: IGI Global Scientific Publishing, 2018), 50, https://doi.org/10.4018/978-1-5225-7027-1.ch002.

[54] Ruf, Rupert-Kruse und Grabbe, Medienkulturwissenschaft, 22.

[55] Ruf, Rupert-Kruse und Grabbe, Medienkulturwissenschaft, 22.

[56] Lorenz Engell, Bernhard Siegert und Joseph Vogl, „Editorial“, in Kulturgeschichte als Mediengeschichte (oder vice versa?), hrsg. Lorenz Engell, Bernhard Siegert und Joseph Vogl (Weimar: Archiv für Mediengeschichte, 2006), 9.

[57] Geoffrey Winthrop-Young, „Von gelobten und verfluchten Medienländern. Kanadischer Gesprächsvorschlag zu einem deutschen Theoriephänomen“, Zeitschrift für Kulturwissenschaften 2 (2008), 117.

[58] Winthrop-Young, „Von gelobten und verfluchten Medienländern“, 118.

[59] Vgl. Friedrich Balke, „Verspätete Nationen? Replik auf Geoffrey Winthrop-Young”, Zeitschrift für Kulturwissenschaften 2 (2008), 132.

[60] Vgl. Winthrop-Young, „Von gelobten und verfluchten Medienländern“, 118.

[61] Winthrop-Young, „Von gelobten und verfluchten Medienländern“, 118.

[62] Winthrop-Young, „Von gelobten und verfluchten Medienländern“, 119.

[63] Winthrop-Young, „Von gelobten und verfluchten Medienländern“, 120.

[64] Engell, Siegert und Vogl, „Editorial“, 8.

[65] Claudia Breger, „Zur Debatte um den ‚Sonderweg deutsche Medienwissenschaft‘“, Zeitschrift für Medienwissenschaft 1, Nr. 1 (2009), 125, https://doi.org/10.25969/mediarep/738.

[66] Breger, „Zur Debatte um den ‚Sonderweg deutsche Medienwissenschaft‘“, 124.

[67] Dass ich, um einer solchen Lesart vorzubeugen, in diesem Artikel ‚deutsch‘ bereits durchgehend mit ‚deutschsprachig‘ ersetzt habe, sei hier nur kurz angemerkt.

[68] Campe, „Technik im Geist“, 137.

[69] Campe, „Technik im Geist“, 137.

[70] Balke, „Verspätete Nationen?“, 132.

[71] „Zu den Fortführern der durch Szondi repräsentierten philologischen Tradition der Literaturwissenschaft zählt insbesondere die – damals noch kaum erkennbare – kulturwissenschaftlich geprägte Medienforschung.“ (Ralf Schnell, „Von der Literaturwissenschaft zur Medienwissenschaft“, Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 150 (2008), 113)

[72] Balke, „Verspätete Nationen?“, 133.

[73] Trotz ihrer Kritik an Winthrop-Youngs Diagnose identifiziert auch Claudia Breger mit Anlehnung an Hans-Ulrich Gumbrecht „vier epistemologisch signifikante Momente deutscher geisteswissenschaftlicher Diskurse“ für eine solche Tradition: „1. die ‚Sehnsucht nach dem Referenten‘, 2. einen nicht primär marxistischen Materialismus, 3. die (in Kittlers Verabschiedung der Software kulminierende) Dekonstruktion des Subjekts und 4. die Dominanz welt- und zeitumspannender Entwürfe von der Geschichtsphilosophie bis zur philosophischen Anthropologie des 20. Jahrhunderts“ (Breger, „Zur Debatte um den ‚Sonderweg deutsche Medienwissenschaft‘“, 125).

[74] Bohnenkamp und Schneider, „Medienkulturwissenschaft“, 41. Bernhard Siegert beschreibt diese Veränderung wie folgt: „In contrast to content analysis or the semantics of representation, German media theory shifted the focus from the representation of meaning to the conditions of representation, from semantics to the exterior and material conditions that constitute semantics.” (Siegert, „Cultural Techniques“, 50)

[75] Bohnenkamp und Schneider, „Medienkulturwissenschaft“, 41.

[76] Vgl. Clifford Geertz, „Dichte Beschreibung. Bemerkungen zu einer deutenden Theorie von Kultur“, in Kulturwissenschaft. Eine Auswahl grundlegender Texte, hrsg. Uwe Wirth (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2008), 453–487.

[77] Vgl. Pierre Bourdieu, „Für eine Wissenschaft von den kulturellen Werken“, in Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns, edition suhrkamp 1985 (Frankfurt am Main: Suhrkamp,, 1998), 85.

[78] Sven Grampp, Medienanalyse. Eine medienwissenschaftliche Einführung (Tübingen: UVK, 2021), 11 (Hervorhebung im Original).

[79] Schmidt, „Medienkulturwissenschaft“, 355.

[80] Wissenschaftsrat, Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Kommunikations- und Medienwissenschaften in Deutschland (Oldenburg 2007), 89. Vgl. auch Schnell, „Von der Literaturwissenschaft zur Medienwissenschaft“, 119.

[81] Vgl. Tobias Unterhuber, „Lesen und Spielen als solitäre Praxis – Annäherungen zwischen Sattelzeit und Digitalisierung“, in Digitales Lesen. Media. Literaturwissenschaftliche Forschungen, hrsg. Susanne Düwell und Nicolas Pethes (Berlin/Heidelberg: J. B. Metzler, 2025), 168, https://doi.org/10.1007/9783662721100_10.

[82] Ruf, Rupert-Kruse und Grabbe, Medienkulturwissenschaft, 12.

[83] Niebling, Raczkowski und Stollfuß, „Medienwissenschaft und Methoden“, 8.

[84] Schmidt hält fest, dass Medienkulturwissenschaft deshalb „notwendig autologisch und selbstreferentiell operieren muss“ (Schmidt, „Medienkulturwissenschaft“, 366).

[85] Vgl. Ruf, Rupert-Kruse und Grabbe, Medienkulturwissenschaft, 20.

[86] Christoph Jacke, Medien(sub)kultur. Geschichten – Diskurse – Entwürfe (Bielefeld: transcript, 2015), 218.

[87] Schanze, „Literaturwissenschaft – Medienwissenschaften – Medienwissenschaft“, 143.

[88] Dass sich die Game Studies oder Spielwissenschaft fast die gleiche Frage mit fast identischen Optionen stellt, kann hier leider nicht näher ausgeführt werden, soll aber an anderer Stelle in Zukunft diskutiert werden.

[89] Balke, „Verspätete Nationen?“, 131.

[90] Vgl. Niebling, Raczkowski und Stollfuß, „Medienwissenschaft und Methoden“, 9.

[91] Vgl. auch den Text von Leichter zu „Game Studies und Literaturwissenschaft“ in diesem Band.

[92] Vgl. Espen Aarseth, „Computer Game Studies, Year One“, Game Studies: The International Journal of Computer Game Research 1, Nr. 1 (2001), https://www.gamestudies.org/0101/editorial.html. Zur Einordnung des von Aarseth propagierten „Year One“ siehe z. B. auch: Emma Vossen, „Young Scholars, and Old Debates: Why the Ludology Versus Narratology ‘Debate’ Cannot Be Forgotten“, in Historiographies of Game Studies: What It Has Been, What It Could Be, hrsg. Alisha Karabinus, Carly A. Kocurek, Cody Mejeur und Emma Vossen (Santa Barbara, CA: punctum books, 2025).

[93] Vgl. Tobias Unterhuber, „Of Parents and Siblings, Disciplines and Debates – Game Studies as Media Culture Studies and the Possibility of Schools of Thoughts“, in Historiographies of Game Studies: What It Has Been, What It Could Be, hrsg. Alisha Karabinus, Carly A. Kocurek, Cody Mejeur und Emma Vossen (Santa Barbara, CA: punctum books, 2025), 233.

[94] Sonia Fizek, „Quo Vadis German Game Studies? A Commentary“, PAIDIA – Zeitschrift für Computerspielforschung (2021), https://paidia.de/quo-vadis-german-game-studies-a-commentary/ (Hervorhebung im Original).

[95] Vgl. Britta Neitzel und Rolf N. Nohr, „Game Studies“, MEDIENwissenschaft 4 (2010), 417.

[96] Vgl. Neitzel und Nohr, „Game Studies“, 420.

[97] Vgl. Gesellschaft für Medienwissenschaft, „Positionen“ (2017/2023). https://gfmedienwissenschaft.de/positionen.

[98] Unterhuber, „Of Parents and Siblings“, 235.

[99] Vgl. Wissenschaftsrat, Empfehlungen.

[100] Lorenz Engell, „Medien waren: möglich. Eine Polemik“, in Was waren Medien?, hrsg. Claus Pias (Zürich: diaphanes, 2011), 105.

[101] Engell, „Medien waren: möglich“, 105–106.

[102] Manuel Becker et al., „Zur Etablierung einer Spielwissenschaft: Potenziale, Perspektiven und institutionelle Anforderungen“, PAIDIA – Zeitschrift für Computerspielforschung (2025), https://paidia.de/zur-etablierung-einer-spielwissenschaft/.

[103] Vgl. Jahraus, Das Medienabenteuer, 18.

[104] Jahraus, Das Medienabenteuer, 351.

[105] Jahraus, Das Medienabenteuer, 354.

[106] Vgl. Christian Moser und Regine Strätling, „Sich selbst aufs Spiel setzen. Überlegungen zur Einführung“, in Sich selbst aufs Spiel setzen. Spiel als Technik und Medium von Subjektivierung, hrsg. Christian Moser und Regine Strätling (Paderborn: Wilhelm Fink, 2016), 9–27.

[107] Tobias Unterhuber, „Spielgeschichte(n). Vorüberlegungen zu einer Medienkulturgeschichte des Spiels“, in Spielgeschichte(n). Games und Game Studies in medienkulturgeschichtlicher Perspektive, hrsg. Yana Lyapova und Tobias Unterhuber (Bielefeld: transcript, 2026), 18.

[108] Vgl. Unterhuber, „Spielgeschichte(n)“.

[109] Vgl. Jahraus, Das Medienabenteuer, 351–354.

[110] In eine ähnliche Richtung, wenngleich unter anderen Vorzeichen, argumentieren auch Shira Chess und Mia Consalvo, wenn sie behaupten, dass die Game Studies die Zukunft der Medienwissenschaft wären, nicht nur weil Medienindustrien immer mehr konvergieren und viele Fragen, die für entstehende oder zukünftige Medienformationen relevant werden dürften, in den Game Studies bereits lange diskutiert werden, sondern auch, weil Spielkultur immer mehr politischen Einfluss habe, wie die Hasskampagne Gamergate unter traurigen Beweis gestellt habe. Vgl. Shira Chess und Mia Consalvo, „‘The Future of Media Studies is Game Studies’“, Critical Studies in Media & Communication 39, Nr. 3 (2022), 159–164, https://doi.org/10.1080/15295036.2022.2075025.

[111] Claus Pias, „Falsches Spiel. Die Grenzen eines Ressentiments“, Maske und Kothurn 54, Nr. 4 (2008), 35.

[112] Pias stellt fest, dass es „anscheinend einen Zusammenhang zwischen politischen, sozialen oder technologischen Krisen- oder Umbruchsituationen und dem Entstehen von Spieltheorie gibt“ (Pias, „Falsches Spiel“, 37). Diese Beobachtung entwickelt er aus dem historischen Material selbst: Friedrich Schiller setzt sich mit dem Spiel als Reaktion auf die neue Form der Subjektivierung in der Moderne auseinander; Johan Huizinga setzt seine Spieltheorie als Gegenmodell zum erstarkenden Faschismus der 1930er; Roger Caillois wiederum versucht die Bedeutung des Menschen angesichts des beginnenden Siegeszugs des Computers herauszustellen (Pias, „Falsches Spiel“, 36–38).

[113] Pias, „Falsches Spiel“, 36 (Hervorhebung im Original).

[114] Pias, „Falsches Spiel“, 47.

[115] Pias, „Falsches Spiel“, 25 (Hervorhebung im Original).

[116] Pias, „Falsches Spiel“, 47.

[117] Tobias Unterhuber, „‚(Don’t) go digging around‘ – Gone Home, das Spiel als Theorie, der Raum als Archiv und die 90er“, PAIDIA – Zeitschrift für Computerspielforschung (2015), https://paidia.de/dont-go-digging-around-gone-home-das-spiel-als-theorie -der-raum-als-archiv-und-die-90er/.

[118] Vgl. Jonathan Culler, Literaturtheorie. Eine kurze Einführung, 2. überarbeitete und aktualisierte Auflage. übers. v. Andreas Mahler (Stuttgart: Reclam, 2013), 28.

[119] In der Systemtheorie Niklas Luhmanns meint „Einheit der Differenz“, dass ein Beobachter zweiter Ordnung die Einheit (hier: von Theorie und Interpretation) beobachten kann. Als Beispiel hierfür wird gerne ein Magnet verwendet, der bekanntlich aus zwei entgegengesetzten Polen besteht, die gemeinsam eine Einheit bilden. Vgl. z. B. Niklas Luhmann, „Gesellschaft als Differenz“, Soziale Systeme 23, Nr. 1–2 (2021), 50–70, https://doi.org/10.1515/sosys-2019-0004; sowie Oliver Jahraus, „Nachwort: Zur Systemtheorie Niklas Luhmanns“, in Niklas Luhmann: Reden und Aufsätze, hrsg. Oliver Jahraus (Stuttgart: Reclam, 2001), 321.

[120] Vgl. Roger Caillois, Die Spiele und die Menschen. Maske und Rausch (Stuttgart: Curt E. Schwab, 1960), 36–37.

[121] Vgl. Unterhuber, „Spielgeschichte(n)“, 24–25.

[122] Vgl. Engell, Siegert und Vogl, „Editorial“, 9.

[123] Dies gilt auch für die konkreten Spiele selbst, wie Rolf Nohrs Vorschlag einer praxeologischen Archäologie darlegt. Vgl. Rolf F. Nohr, „Vom Spacewar!-en. Spielgeschichte(n) als praxeologische Archäologie“, in Spielgeschichte(n). Games und Game Studies in medienkulturgeschichtlicher Perspektive, hrsg. Yana Lyapova und Tobias Unterhuber (Bielefeld: transcript, 2026), 103–121.

[124] Vgl. Becker et al., „Zur Etablierung einer Spielwissenschaft“.

Tobias Unterhuber
Tobias Unterhuber

OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Tobias Unterhuber (17. Juni 2026). Spielwissenschaft als Fortsetzung der Medienkulturwissenschaft. gespielt. Abgerufen am 18. Juli 2026 von https://doi.org/10.58079/16fg6


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